Die vorherrschende Empfindung an den Vorbesichtigungstagen der documenta war eine durchaus angenehme Überforderung. Sie ist gewollt, und sie könnte heilsam sein. Man kann - zumal als auswärtiger Besucher - nicht alles sehen, zumindest nicht alles auf einmal. Und schon gar nicht den Standort Kabul. Man braucht viele Stunden, um allein die Hütten in der Aue zu erkunden, von versteckten Schauplätzen in der Kasseler Innenstadt zu schweigen. Diese documenta muss man sich tagelang erarbeiten. Bis alle Knochen schmerzen.
Die documenta beharrt auf der Einmaligkeit des persönlichen Erlebens, auf der physischen Erfahrung, die sich nicht im Internet reproduzieren lassen. Sie verlangt Konzentration und belohnt mit einer Fülle starker, widerstreitender Bilder, Assoziationen und Wahrnehmungen. Sie feiert die Objekthaftigkeit und Materialität der Dinge, denen nach Ansicht der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev etwas Magisches innewohnt. Die documenta zelebriert das Unvergleichliche an unverwechselbaren Räumen. Diese ganz spezifischen Orte lassen einen ängstlich taumeln und beglückt schweben, sie erzeugen Unbehagen und Zauber, stellen die Geduld auf harte Proben, eröffnen aber ungeahnte Eindrücke und Perspektiven, ob im Alten Zollamt am Bahnhof, im Hugenottenhaus, das Theaster Gates mit Arbeitslosen aus Chicago phänomenal umbaut, oder in Tino Sehgals Raum, der, tiefschwarz, nur von Stimmen erfüllt ist, wo sich Besucher mühsam vorantasten müssen.
Faszinierend, welche neuen Standorte Christov-Bakargiev entdeckt, erschlossen und bespielt hat. Eine Bereicherung für die documenta, ein Gewinn für die Stadt.
The middle of the middle of the middle of...“ hat Lawrence Weiner auf eine Glaswand in der Rotunde des Fridericianums geschrieben. Hier ist die Mitte der Mitte, der Kern dieser documenta, hier stellt CCB ihr Denken aus, hier geht es ans Eingemachte (siehe Artikel unten). Ein Raum, der eine unglaubliche Aura hat. Seine Ernsthaftigkeit ist Programm auf dieser documenta.
Verhandelt werden mit poetischen Mitteln, aber auch durch Formen der Recherche, des Sammelns und Dokumentierens und mithin sehr politisch eine Vielzahl von Themen: Ressourcen-Knappheit, Ernährung, Gentechnik, Ausbeutung, Krieg und Gewalt. Manchmal fast unerträglich wie in den Handyfotos von erschossenen Syrern, mit denen Rabih Mroué gearbeitet hat, manchmal ärgerlich trivial bei Araya Rasdjarmrearnsooks Aufruf zu Spenden für ein Tierheim in Thailand.
Die documenta 13 zeigt, aber beschränkt sich nicht auf die deprimierende Tatsache, welche Grausamkeiten Menschen einander antun, wie schlimm es um die Welt bestellt ist. Sie feiert die Vorstellungskraft des Einzelnen, setzt auf Hoffnung, glaubt an ein Umdenken. Die Ausstellung fordert ein Gemeinschaftsgefühl, kreativ nach Alternativen und Auswegen zu suchen. Manchmal ist das naiv, manchmal eine Herausforderung und manchmal so schön wie die 100 Volkslieder, die Susan Hiller für eine documenta-Jukebox ausgewählt hat, und wie der frische Luftzug, den Ryan Gander im Fridericianum durchs leere Erdgeschoss wehen lässt.
Von Mark-Christian von Busse







